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Geschichte zum Anfassen

Quelle: HNA 17.04.2010 (www.hna.de)

Geschichte zum Anfassen
Holocaust-Zeitzeugin berichtet Schülern
von Gwendolyn Träger

Niederzwehren.
Als Blanka Pudler die Aula der Johann-Amos-Comenius-Schule betritt, fangen die rund 100 Schüler an zu klatschen. Die 80-Jährige ist an der Kasseler Gesamtschule bereits bekannt. Seit über zehn Jahren reist die in Budapest lebende Jüdin regelmäßig nach Kassel, um Schülern von ihrem Leben im Konzentrationslager zu erzählen. Das ist keine leichte Arbeit. Und sie fällt der Überlebenden auch sichtlich schwer.
"Wenn ich von meinem Leben erzähle, kommen die Bilder wieder hoch", sagt Pudler. "Und die sind einfach nicht schön." Während des Erzählens erlebe sie ihre Vergangenheit als Gefangene immer und immer wieder. "Das nimmt mich mit", sagt die Zeitzeugin.
Aber wenn sie das Resultat sehe, wisse sie, warum das doch immer wieder und gern tue.

Die Schüler hören konzentriert zu, das Lächeln auf ihren Gesichtern ist verschwunden. Sie durchleben mit der Erzählerin die Vergangenheit.
"Geschichte vermittelt sich am besten, wenn Menschen sie berichten", sagt Hanne Wiltsch, Lehrerin der Gesamtschule. "Somit ist sie fassbar und bleibt in den Köpfen." Das merkt auch Blanka Pudler. Erst kürzlich habe sie bei Facebook eine Nachricht von einem Mann erhalten, der als Schüler einen Vortrag von ihr hörte. "Er sagte, der Vortrag sei ihm nie wieder aus dem Kopf gegangen. Nun können wir über das Netzwerk in Kontakt bleiben." Für solche Momente gehe Pudler an Schulen, um Schülern von ihrer schrecklichen Vergangenheit zu berichten. "Mir ist es wichtig, Menschen zu erreichen. Sie sollen etwas über die Vergangenheit lernen. Als Negativbeispiel. So etwas darf nie wieder passieren."

Fragen an die Zeugin

Häufig fragen Schüler die Ungarin, wo sie denn die Kraft hernehme, in das Land zu reisen, das sie an so viel Schreckliches erinnere. Immerhin war die heute 80-Jährige sieben Wochen in Auschwitz und acht Monate im Außenkommando Hirschhagen des Konzentrationslagers Buchenwald gefangen, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. Ob sie dafür die Deutschen nicht sogar hasse, wollen junge Leute oft wissen. Nein, das tut Pudler nicht. Denn auch in schlimmsten Zeiten hätte es Deutsche gegeben, die ihr geholfen haben.
Den Glauben an die Menschheit hat die sympathische Frau nie verloren. Wohl aber ihren Glauben an Gott - und das obwohl sie aus einer sehr religiösen Familie kommt. Nach Deutschland zu kommen, sei für sie sogar wunderschön. Denn mit der Zeit habe sie hier viele Freunde gefunden.